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Rewilding erklärt: Kann die Rückkehr der Wildnis die Biodiversität in Europa wiederherstellen?

Rewilding, oder Renaturierung, ist mehr als nur Naturschutz – es ist ein prozessorientierter Ansatz, der Ökosystemen erlaubt, sich selbst zu heilen und die biologische Vielfalt zu fördern.

Von Dr. Lena Vogel4 Min. LesezeitBerlin, DE
Ein europäischer Wisent in einem nebligen Buchenwald, ein Beispiel, das Rewilding erklärt und die Rückkehr der Wildnis in Europa zeigt.
Humane Foundation / AI-generated

Rewilding, oft mit Renaturierung oder Auswilderung umschrieben, ist ein fortschrittlicher Ansatz im Naturschutz, der darauf abzielt, Ökosysteme wiederherzustellen und ihnen zu ermöglichen, sich selbst zu regulieren. Anstatt Lebensräume aktiv zu managen, konzentriert sich Rewilding darauf, natürliche Prozesse zu reaktivieren, häufig durch die Wiedereinführung von Schlüsselarten, um die Biodiversität und Widerstandsfähigkeit der Natur langfristig zu stärken.

Was unterscheidet Rewilding von traditionellem Naturschutz?

Der entscheidende Unterschied liegt in der Philosophie. Traditioneller Naturschutz ist oft zielorientiert und konzentriert sich auf die Erhaltung oder Wiederherstellung eines bestimmten Zustands, etwa eines bestimmten Typs von Heidelandschaft oder einer bestimmten Vogelpopulation. Dies erfordert kontinuierliches menschliches Management wie Mähen, Beweiden mit Nutztieren oder die Kontrolle von Raubtieren. Rewilding hingegen ist prozessorientiert. Es geht darum, die natürlichen dynamischen Prozesse – wie Beweidung durch Wildtiere, natürliche Sukzession und das Wirken von Raubtieren – wieder in Gang zu setzen und der Natur dann die Kontrolle zu überlassen. Das Ergebnis ist nicht vorherbestimmt, sondern entwickelt sich dynamisch.

Stellen Sie sich einen Garten vor: Traditioneller Naturschutz wäre der Gärtner, der ständig Unkraut jätet und die Hecken schneidet, um ein perfektes Bild zu erhalten. Rewilding würde bedeuten, den Garten sich selbst zu überlassen, vielleicht ein paar einheimische Pflanzen hinzuzufügen, die Bienen anlocken, und zu beobachten, welches wilde, widerstandsfähige und vielfältige System daraus entsteht. Laut einer Studie im Journal „Science“ (2020) fördert dieser Ansatz eine höhere strukturelle und funktionale Komplexität in Ökosystemen, was sie resilienter gegenüber Störungen wie dem Klimawandel macht.

MerkmalRewildingTraditioneller Naturschutz
GrundprinzipWiederherstellung von ProzessenErhaltung von Strukturen und Arten
Menschliches EingreifenAnfänglich hoch, dann minimalKontinuierlich und oft intensiv
FokusGanze Ökosysteme und ihre DynamikSpezifische Habitate oder einzelne Arten
ZielzustandOffen, dynamisch, unvorhersehbarKlar definiert, oft historisch
Rolle des MenschenInitiator, dann BeobachterManager, Verwalter
BeispielWiedereinführung von Wisenten zur natürlichen WaldgestaltungPflege von Orchideenwiesen durch regelmäßige Mahd
Vergleich von Rewilding und traditionellem Naturschutz. Quelle: Rewilding Europe, 2023.

Welche Rolle spielen Schlüsselarten wie Wölfe und Biber?

Schlüsselarten (Keystone Species) spielen eine überproportional große Rolle für die Struktur und Funktion eines Ökosystems. Ihre Wiedereinführung ist oft das Herzstück von Rewilding-Projekten, da sie ganze Kaskaden ökologischer Veränderungen auslösen können. Diese als „trophische Kaskaden“ bekannten Effekte wurden eindrucksvoll im Yellowstone-Nationalpark nach der Wiedereinführung von Wölfen 1995 dokumentiert. Die Wölfe regulierten die Wapiti-Hirsch-Population, was wiederum zu einer Erholung der Weiden- und Pappelbestände an den Flüssen führte. Dies stabilisierte die Flussufer, verbesserte die Wasserqualität und schuf Lebensräume für Biber, Fische und Vögel.

In Europa sehen wir ähnliche Effekte. Der Biber, der in vielen Teilen Europas wiederangesiedelt wurde, ist ein Paradebeispiel für einen „Ökosystem-Ingenieur“. Durch den Bau von Dämmen schafft er Feuchtgebiete, die als Wasserspeicher in Dürrezeiten dienen, Hochwasserspitzen abfedern und unzähligen Arten von Amphibien, Insekten und Vögeln einen Lebensraum bieten. Eine Untersuchung in Schottland zeigte, dass Biberteiche die Artenvielfalt von Pflanzen um bis zu 46 % erhöhen können (University of Stirling, 2021). Große Pflanzenfresser wie der Wisent gestalten Wälder und Offenland, indem sie Nährstoffe verteilen und durch ihr Fressverhalten Lichtungen schaffen, die anderen Arten zugutekommen.

Rewilding ist kein Zurückdrehen der Uhr, sondern das Anstoßen ökologischer Prozesse, die es der Natur ermöglichen, neue, widerstandsfähige Zukünfte für sich selbst zu schaffen.

Prof. Dr. Jens Settele, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)

Was sind die größten Herausforderungen beim Rewilding?

Trotz des immensen Potenzials steht Rewilding vor erheblichen Herausforderungen, die meist sozialer und politischer Natur sind. Die größte Hürde ist die Akzeptanz in der Bevölkerung, insbesondere in dicht besiedelten Kulturlandschaften wie in weiten Teilen Deutschlands. Die Rückkehr großer Raubtiere wie dem Wolf führt unweigerlich zu Konflikten mit der Landwirtschaft. In Deutschland wurden 2022 über 4.000 Nutztiere von Wölfen gerissen, was zu intensiven Debatten über Herdenschutz und Bestandsregulierung führt (DBBW, 2023).

Ein weiteres Problem ist die Flächenverfügbarkeit. Rewilding entfaltet sein volles Potenzial auf großen, zusammenhängenden Flächen, die in Europa knapp sind und oft für Landwirtschaft, Forstwirtschaft oder Siedlungen genutzt werden. Das niederländische Projekt Oostvaardersplassen, eines der ältesten Rewilding-Experimente Europas, wurde stark kritisiert, als in strengen Wintern hunderte Tiere verhungerten, da sie das Gebiet nicht verlassen konnten. Dies unterstreicht die Notwendigkeit von Wildtierkorridoren und einem adaptiven Management, das in bestimmten Situationen Eingriffe nicht ausschließt. Die rechtlichen Rahmenbedingungen, die oft auf traditionellen Naturschutz und Landnutzung ausgerichtet sind, müssen ebenfalls angepasst werden, um die dynamischen Prozesse des Rewilding zu ermöglichen.

Zunahme der Populationen ausgewählter Schlüsselarten in Europa

Quelle: European Environment Agency & IUCN Red List, 2023.

Welche erfolgreichen Rewilding-Projekte gibt es in Deutschland und Europa?

In ganz Europa gibt es immer mehr Leuchtturmprojekte, die die positiven Auswirkungen von Rewilding demonstrieren. Sie zeigen, dass die Wiederherstellung der Natur auch wirtschaftliche Vorteile durch Ökotourismus und naturbasierte Lösungen bringen kann.

**Oderdelta (Deutschland/Polen):** An der Mündung der Oder in die Ostsee arbeitet Rewilding Europe gemeinsam mit lokalen Partnern daran, ein riesiges Mosaik aus Feuchtgebieten, Lagunen und Wäldern wiederzuherstellen. Die Rückkehr von Seeadlern, Bibern und die Förderung von Fischpopulationen stärken nicht nur die Biodiversität, sondern auch eine nachhaltige lokale Wirtschaft, die auf Naturtourismus und Fischerei basiert.

**Rothaarsteig (Deutschland):** Im Jahr 2013 wurde hier im Rahmen eines wegweisenden Projekts eine Herde Wisente, die größten Landsäugetiere Europas, in die Freiheit entlassen. Nach Jahrhunderten der Abwesenheit gestalten die Wisente nun wieder aktiv die Waldlandschaft, schaffen Nischen für andere Arten und sind zu einer Attraktion für Wanderer und Naturfreunde geworden. Das Projekt dient als wichtiges Modell für die Wiedereinführung großer Pflanzenfresser in Mitteleuropa.

**Südliche Karpaten (Rumänien):** Dieses Gebiet ist eine der letzten großen Wildnisregionen Europas und Heimat gesunder Populationen von Bären, Wölfen und Luchsen. Die Bemühungen konzentrieren sich hier darauf, riesige Waldgebiete zu schützen, die Wilderei zu bekämpfen und Wildtierkorridore zu sichern. Ein zentrales Element ist die Wiedereinführung des Wisents, um eine vollständigere Nahrungskette und natürlichere Beweidungsprozesse wiederherzustellen.

**Iberian Highlands (Spanien):** In einer stark von Landflucht betroffenen Region Spaniens wird auf über 850.000 Hektar ein neues Rewilding-Gebiet entwickelt. Durch die Förderung natürlicher Waldregeneration, die Wiederansiedlung von Przewalski-Pferden und die Unterstützung der Rückkehr von Gänsegeiern und anderen Aasfressern soll eine neue, auf der Natur basierende Wirtschaft entstehen und die Landschaft widerstandsfähiger gegen Waldbrände und Trockenheit gemacht werden (Rewilding Spain, 2024).

Häufig gestellte Fragen

Ist Rewilding gefährlich für Menschen?+

Rewilding ist bei verantwortungsvoller Planung nicht grundsätzlich gefährlich. Die Rückkehr von Wildtieren wie Wölfen oder Bären erfordert jedoch ein Umdenken und Managementmaßnahmen wie Herdenschutz und Aufklärung der Öffentlichkeit. Direkte Begegnungen sind extrem selten, da Wildtiere Menschen in der Regel meiden. Konflikte betreffen meist Nutztiere, nicht die direkte Sicherheit von Menschen.

Was ist der Unterschied zwischen Renaturierung und Rewilding?+

Obwohl die Begriffe oft synonym verwendet werden, gibt es eine feine Unterscheidung. Renaturierung beschreibt allgemein die Wiederherstellung eines naturnahen Zustands, oft mit einem klaren Zielbild. Rewilding ist eine spezifische Form der Renaturierung, die den Fokus auf die Wiederherstellung natürlicher Prozesse und die Minimierung menschlicher Eingriffe legt, wodurch das Ergebnis offen und dynamisch bleibt.

Kann jedes Ökosystem durch Rewilding wiederhergestellt werden?+

Theoretisch können in fast allen Ökosystemen Rewilding-Prinzipien angewendet werden, von Wäldern über Feuchtgebiete bis hin zu Küsten. Der Erfolg hängt jedoch von der Größe des Gebiets, der Konnektivität zu anderen Naturräumen und den sozioökonomischen Rahmenbedingungen ab. In stark fragmentierten oder urbanen Landschaften sind die Möglichkeiten begrenzter als in weitläufigen, dünn besiedelten Regionen.

Wie wird Rewilding finanziert?+

Die Finanzierung erfolgt oft durch eine Mischung aus öffentlichen Mitteln (z.B. EU-LIFE-Programme, nationale Naturschutzfonds), Spenden von Stiftungen und gemeinnützigen Organisationen sowie zunehmend durch private Investitionen. Neue Geschäftsmodelle rund um Ökotourismus, den Verkauf von „Carbon Credits“ oder Produkten aus Rewilding-Gebieten tragen ebenfalls zur langfristigen finanziellen Nachhaltigkeit bei.

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