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Der Verlust der ozeanischen Biodiversität, erklärt: Ursachen, Folgen und was wir tun können

Die rapide Abnahme von Arten und Lebensräumen in unseren Meeren ist eine existenzielle Krise, die durch menschliches Handeln verursacht wird und globale Ökosysteme destabilisiert.

Von Dr. Lena Hartmann4 Min. LesezeitKiel, DE
Ein geteiltes Bild eines Korallenriffs, das den dramatischen Verlust der ozeanischen Biodiversität durch Korallenbleiche und den Tod von Meereslebewesen veranschaulicht.
Humane Foundation / AI-generated

Der Verlust der ozeanischen Biodiversität bezeichnet die Abnahme der Vielfalt des Lebens in marinen Ökosystemen, sowohl in Bezug auf die Anzahl der Arten als auch auf die genetische Vielfalt und die Integrität der Lebensräume. Dieser Prozess wird hauptsächlich durch menschliche Aktivitäten wie Überfischung, Verschmutzung und den Klimawandel beschleunigt und bedroht die Stabilität der Ozeane und die von ihnen erbrachten lebenswichtigen Dienstleistungen.

Was genau verstehen wir unter ozeanischer Biodiversität?

Bevor wir den Verlust analysieren, müssen wir den Begriff selbst definieren. Die ozeanische Biodiversität umfasst die gesamte Vielfalt des Lebens im Meer. Dies reicht von der genetischen Vielfalt innerhalb einer einzigen Fischpopulation über die schiere Anzahl verschiedener Arten – von mikroskopisch kleinem Plankton bis hin zu Blauwalen – bis hin zur Vielfalt ganzer Ökosysteme wie Korallenriffe, Mangrovenwälder, Seegraswiesen und Tiefseegräben. Jedes dieser Elemente spielt eine entscheidende Rolle im komplexen Netzwerk des Lebens, das unsere Ozeane ausmacht.

Was sind die Hauptursachen für den marinen Artenverlust?

Der Verlust der marinen Artenvielfalt ist kein natürlicher Prozess, sondern wird fast ausschließlich durch menschliche Aktivitäten verursacht. Ein Bericht der Zwischenstaatlichen Plattform für Biodiversität und Ökosystemleistungen (IPBES) aus dem Jahr 2019 identifizierte fünf Haupttreiber, die auch für die Ozeane gelten: direkte Ausbeutung, Klimawandel, Verschmutzung, Land-/Meeresnutzungsänderungen und invasive Arten.

Die **Überfischung** ist nach wie vor der stärkste einzelne Faktor für den Verlust der marinen Biodiversität. Moderne industrielle Fangflotten mit Technologien wie Echoloten und riesigen Schleppnetzen können ganze Fischpopulationen in kurzer Zeit dezimieren. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) waren im Jahr 2019 bereits 35,4 % der weltweiten Fischbestände auf einem biologisch nicht nachhaltigen Niveau überfischt (FAO, SOFIA Report, 2022). Besonders destruktive Praktiken wie die Grundschleppnetzfischerei zerstören dabei nicht nur die Zielarten, sondern auch den Meeresboden und alles, was darauf lebt, als sogenannter Beifang.

Der **Klimawandel** wirkt als Multiplikator der Krise. Die Ozeane haben über 90 % der überschüssigen Wärme absorbiert, die durch menschliche Emissionen verursacht wurde (IPCC, 2021). Diese **Erwärmung** führt zu massiven Korallenbleichen, bei denen die Korallen die lebenswichtigen Algen in ihrem Gewebe abstoßen und verhungern. Gleichzeitig nimmt das Meer etwa ein Viertel des von uns emittierten CO₂ auf, was zur **Ozeanversauerung** führt. Das saurere Wasser erschwert es Organismen wie Muscheln, Korallen und bestimmten Planktonarten, ihre Schalen und Skelette aus Kalk zu bilden, was das Fundament mariner Nahrungsnetze bedroht.

Ein industrieller Fischtrawler zieht ein volles Schleppnetz aus dem Ozean, ein Symbol für die Überfischung, die den marinen Artenverlust vorantreibt.
Industrielle Fischerei ist der Haupttreiber für den Rückgang vieler mariner Populationen.Humane Foundation / AI-generated

Die **Verschmutzung** der Meere nimmt vielfältige Formen an. Jährlich gelangen schätzungsweise 11 Millionen Tonnen Plastik in die Ozeane (UNEP, 2021), wo es sich in Mikroplastik zersetzt und von Meeresbewohnern aufgenommen wird. Hinzu kommt die chemische Verschmutzung durch landwirtschaftliche Düngemittel und Pestizide, die über Flüsse ins Meer gespült werden. Dort verursachen sie Algenblüten, die bei ihrer Zersetzung den Sauerstoff im Wasser verbrauchen und riesige „tote Zonen“ schaffen, in denen kaum noch höheres Leben existieren kann, wie etwa im Golf von Mexiko oder in Teilen der Ostsee.

Wir entnehmen dem Ozean zu viel, und wir werfen zu viel hinein. Die Kombination aus Überfischung, Verschmutzung und den unerbittlichen Auswirkungen des Klimawandels bringt die marinen Ökosysteme an den Rand des Zusammenbruchs.

Prof. Dr. Antje Boetius, Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Welche Beweise gibt es für den Kollaps mariner Ökosysteme?

Die wissenschaftlichen Beweise für den dramatischen Rückgang der marinen Artenvielfalt sind erdrückend. Die Rote Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) liefert alarmierende Zahlen. So sind beispielsweise über ein Drittel aller Haie, Rochen und Chimären vom Aussterben bedroht, vor allem durch Überfischung (Studie, *Nature*, 2021). Auch fast ein Drittel der riffbildenden Korallenarten ist gefährdet.

Langzeitstudien zeigen einen klaren Abwärtstrend. Der Living Planet Report des WWF (2022) stellte einen durchschnittlichen Rückgang von 69 % bei den überwachten Wirbeltierpopulationen seit 1970 fest. Obwohl Süßwasserarten am stärksten betroffen sind, zeigen auch marine Populationen dramatische Verluste. Eine frühere, auf die Meere fokussierte Analyse ergab einen Rückgang der marinen Wirbeltierpopulationen um 49 % zwischen 1970 und 2012 (WWF, Living Blue Planet Report, 2015).

BedrohungPrimärer MechanismusHauptsächlich betroffene Arten/Lebensräume
ÜberfischungEntnahme von Individuen über die Reproduktionsrate hinaus; Beifang; Zerstörung von Lebensräumen durch Fanggeräte.Kommerzielle Fischarten (Thunfisch, Kabeljau), Haie, Rochen, Meeressäuger, Tiefseekorallen.
Klimawandel (Erwärmung)Erhöhte Wassertemperaturen verursachen physiologischen Stress und führen zur Abwanderung von Arten oder zum Massensterben.Korallenriffe (Bleiche), Kelpwälder, Arten der Polarregionen (z.B. Eisbären, Robben).
Klimawandel (Versauerung)Ein sinkender pH-Wert reduziert die Verfügbarkeit von Karbonationen, die für den Skelett- und Schalenbau benötigt werden.Korallen, Muscheln, Schnecken, bestimmte Planktonarten (Pteropoden).
PlastikverschmutzungVerschlucken von Plastikteilen, Verstrickung, Freisetzung von Giftstoffen, Transport invasiver Arten auf Plastikmüll.Seevögel, Meeresschildkröten, Wale, Robben, Fische.
NährstoffverschmutzungÜberdüngung (Eutrophierung) führt zu Algenblüten und nachfolgendem Sauerstoffmangel (Hypoxie/Anoxie).Bodenlebende Organismen in Küstennähe, Fische; führt zur Bildung von „toten Zonen“.
Vergleich der Hauptbedrohungen für die ozeanische Biodiversität. Source: Basierend auf Daten von IPBES, FAO und UNEP, 2023.

Warum ist der Erhalt der Meeresbiodiversität für uns überlebenswichtig?

Der Schutz der Ozeane ist kein reiner Selbstzweck, sondern eine Überlebensfrage für die Menschheit. Gesunde Meeresökosysteme erbringen unverzichtbare Dienstleistungen, die oft als selbstverständlich angesehen werden.

**Klimaregulation und Sauerstoffproduktion:** Die Ozeane sind unsere größten Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel. Sie absorbieren etwa 25 % der jährlichen anthropogenen CO₂-Emissionen (Global Carbon Project, 2023). Marines Phytoplankton produziert durch Photosynthese etwa die Hälfte des Sauerstoffs, den wir atmen. Ökosysteme wie Mangroven, Salzwiesen und Seegräser – sogenannter „blauer Kohlenstoff“ – binden Kohlenstoff noch effektiver als terrestrische Wälder.

**Nahrungssicherheit und Wirtschaft:** Für mehr als 3,3 Milliarden Menschen liefern die Ozeane mindestens 20 % ihrer tierischen Proteinquelle (FAO, 2022). Die globale Fischerei- und Aquakulturindustrie sichert direkt oder indirekt den Lebensunterhalt von Hunderten von Millionen Menschen. Der Verlust der Fischbestände bedroht nicht nur die Ernährungssicherheit, insbesondere in Küstengemeinden des globalen Südens, sondern auch die wirtschaftliche Stabilität ganzer Nationen.

**Küstenschutz und Medizin:** Intakte Korallenriffe und Mangrovenwälder fungieren als natürliche Wellenbrecher und schützen Küstengemeinden vor Stürmen und Erosion – eine Dienstleistung, deren Wert auf Milliarden von Dollar jährlich geschätzt wird. Darüber hinaus sind marine Organismen eine vielversprechende Quelle für neue Medikamente. Substanzen aus Schwämmen, Schnecken und Algen werden bereits zur Behandlung von Krankheiten wie Krebs und zur Entwicklung neuer Schmerzmittel eingesetzt.

Anteil der biologisch nicht nachhaltig befischten Fischbestände weltweit

Source: FAO, The State of World Fisheries and Aquaculture (SOFIA), 2022.

Welche Lösungen können den Trend umkehren?

Obwohl die Lage ernst ist, gibt es wirksame und erprobte Strategien, um den Verlust der ozeanischen Biodiversität zu bekämpfen. Die Umsetzung erfordert jedoch einen beispiellosen politischen Willen, internationale Kooperation und eine Veränderung des individuellen Verhaltens.

Schritte zur Bekämpfung des marinen Artenverlusts

  1. 1

    Meeresschutzgebiete ausweiten

    Die Einrichtung und effektive Verwaltung von Meeresschutzgebieten (Marine Protected Areas, MPAs) ist entscheidend. Das globale Ziel „30x30“, 30 % der Ozeane bis 2030 unter Schutz zu stellen, ist ein wichtiger Meilenstein, insbesondere wenn es sich um „No-Take“-Zonen handelt.

  2. 2

    Fischerei nachhaltig gestalten

    Dies erfordert eine Umstellung auf wissenschaftsbasierte Fangquoten, die Bekämpfung illegaler Fischerei und die Abschaffung schädlicher Subventionen, die Überkapazitäten fördern. Destruktive Praktiken wie die Grundschleppnetzfischerei müssen stark eingeschränkt werden.

  3. 3

    Verschmutzung an der Quelle stoppen

    Ein starkes globales Plastikabkommen ist unerlässlich, um den Eintrag von Plastik in die Meere zu reduzieren. Gleichzeitig muss die Landwirtschaft ihre Nährstoffeinträge durch präzisere Düngung und bessere Abwasserklärung drastisch senken.

  4. 4

    Klimawandel entschlossen bekämpfen

    Die grundlegendste Lösung ist die drastische Reduzierung von Treibhausgasemissionen im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen. Ohne eine Stabilisierung des Klimas werden alle anderen Schutzmaßnahmen langfristig untergraben.

  5. 5

    Konsumverhalten anpassen

    Eine Reduzierung oder der Verzicht auf den Konsum von Fisch und Meeresfrüchten verringert den Druck der Überfischung. Die Vermeidung von Einwegplastik und die Unterstützung von Unternehmen mit starken Nachhaltigkeitsstandards sind ebenfalls wirksame Hebel.

Das im Jahr 2023 verabschiedete Hochseeschutzabkommen (BBNJ-Vertrag) der Vereinten Nationen ist ein historischer Schritt, der erstmals einen rechtlichen Rahmen für den Schutz der Biodiversität in internationalen Gewässern schafft – einem Gebiet, das fast die Hälfte der Erdoberfläche ausmacht. Seine schnelle Ratifizierung und Umsetzung wird ein Lackmustest für den globalen Willen sein, unsere Ozeane zu retten.

Häufig gestellte Fragen

Was ist die größte einzelne Bedrohung für die Meeresbiodiversität?+

Die direkte Ausbeutung durch Überfischung gilt als der größte einzelne Treiber für den Verlust der marinen Artenvielfalt. Sie betrifft nicht nur die Zielarten, sondern schädigt durch Beifang und zerstörerische Fangmethoden ganze Ökosysteme. Der Klimawandel holt jedoch als Bedrohung schnell auf und könnte in Zukunft zum dominanten Faktor werden.

Können sich die Ozeane vom Artensterben erholen?+

Ja, marine Ökosysteme besitzen eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit. Studien in gut verwalteten Meeresschutzgebieten zeigen, dass sich Fischpopulationen und Lebensräume innerhalb von Jahren oder Jahrzehnten erholen können, sobald der menschliche Druck entfernt wird. Das Aussterben einer Art ist jedoch endgültig und kann nicht rückgängig gemacht werden. Schnelles Handeln ist daher entscheidend.

Welche Fischarten sollte man meiden, um die Meere zu schützen?+

Arten, die stark überfischt sind oder deren Fangmethoden besonders zerstörerisch sind, sollten gemieden werden. Dazu gehören oft Aal, Blauflossen-Thunfisch und tropische Garnelen aus Zuchtbetrieben, die Mangroven zerstören. Einkaufsratgeber von Organisationen wie dem WWF oder Greenpeace bieten aktuelle, regionsspezifische Empfehlungen für nachhaltige Fischwahl.

Spielt der Verzicht auf Fisch wirklich eine Rolle?+

Ja, absolut. Da Überfischung der Haupttreiber für den marinen Artenverlust ist, reduziert eine geringere Nachfrage nach Fisch und Meeresfrüchten direkt den kommerziellen Druck auf die globalen Bestände. Eine Umstellung auf eine stärker pflanzlich basierte Ernährung ist einer der wirkungsvollsten Beiträge, den Einzelpersonen zum Schutz der Ozeane leisten können.

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